Dichtung und Wahrheit
Im letzten Appetit-Häppchen erfuhren wir die Fakten zur Vorgeschichte des Hotels Axenstein. Diese bilden die Struktur wie das Gerippe eines Körpers. Um diesen zum Leben zu bringen, braucht es aber Fleisch auf die Knochen, denn wer will schon die Rippen sehen.
Ambros Eberle hatte also das Brändli gekauft – zu einem je nach Blickwinkel überhöhten bzw. günstigen, sagen wir einfach zu einem anständigen Preis. Und nun forcierte er noch den Bau der Strasse nach Brunnen. Das war nicht nur im Gemeinderat Morschach, sondern auch im Dorf und der weiteren Umgebung ein ergiebiges Gesprächsthema. Das liesse sich doch sicher positiv ausdeuten und gewinnbringend bewirtschaften. Ambros Eberle war ja nicht nur Redaktor des Waldstätter Boten und der Schwyzer Zeitung, die er in seiner 1846 gekauften Buchdruckerei Kälin in Schwyz druckte. Er war auch Hobby-Dichter. Aber in diesem Fall konnte er nicht gut selber schreiben. Anfang der 1860er Jahre machte Karl Eichhorn in Schwyz seine Schriftsetzerlehre und entdeckte seine eigene schriftstellerische Ader. Seine poetischen Beiträge erschienen schon bald in verschiedenen Blättern. Ab 1870 war er 25 Jahre lang Redaktor verschiedener Zeitungen und verlegte sich danach ganz aufs Dichten. 1896 erschien sein Hagröslein – Erzählungen und Bilder aus dem Volksleben der Waldstätte mit der 30-Seiten-Geschichte: Der Brändli-Toneli auf Morschach.
Kurzfassung: Toneli, der Sohn der “Brändli”-Franziska, erledigt als Botenjunge von Morschach den täglichen Warenaustausch zwischen Morschach, Brunnen und Schwyz auf dem Fussweg durch den Wald. Eine Strasse gibt es ja noch nicht. In Brunnen hört er jeweils dem Geigenmacher Suter beim Spielen zu. Dieser gibt ihm dann kostenlosen Geigenunterricht. Toneli rettet am Fronalpstock dem verletzten Engländer Warren das Leben und unterhält diesen in der Genesungszeit mit seinem Geigenspiel. Warren vermittelt ihm eine künstlerische Ausbildung bei einem Maestro in Italien, stirbt aber unglücklicherweise, bevor Toneli seine Reise antreten kann. Toneli macht darauf eine Lehre in der Talmühle in der Umgebung. Später erfindet er als Obermüller in der Ostschweiz ein verbessertes Mahlwerk und kommt so zu Reichtum. Ein Ausländer hört bei einem Fest Toni in einem “Dilettanten-Orchester” Geige spielen. Über Toni erhält der Geigenmacher Suter den Auftrag, drei Geigen zu bauen. Diese sind so ausserordentlich, dass die ausländische Firma den Geigenbauer zu sich holt und dieser berühmt wird. Auch in Morschach geschieht einiges: Suter und Franziska Imhof treffen auf dem Brändli vor Suters Abreise in die fremde Hauptstadt den welschen Landschaftsmaler Calame. Und Ambros Eberle erscheint und kauft Franziska Imhof das Brändli zum dreifachen Preis ab. Diese zieht glücklich ins Dorf hinunter. Anton Imhof kauft die Talmühle, gründet eine Familie und spielt in der Freizeit in einem kleinen Orchester.

Würde man diese Geschichte verfilmen, stünde im Vorspann wohl: “Inspiriert von wahren Ereignissen”. Denn der Geigenbauer Karl Suter-Oetiker wurde 1845 in Brunnen geboren und starb 1876 in Freiburg i. Br. Das bestätigt Theophil Fritz Wiget, alt Kantonsbibliothekar Schwyz, am 28. Juli 1981 im Brief an den Direktor des Schweizerischen Idiotikons, Peter Dalcher:

Jetzt wird es zeitlich eng, denn der englische Förderer von Toneli stirbt in der Geschichte im Jahr 1859, als der echte Geigenbauer erst 14 Jahre alt war. Und der Maler Alexandre Calame, dessen allgemeinen Ausspruch: “Le plus beau pays du monde” die Morschacher ganz für sich allein in Anspruch nehmen, kommt auch in Zeitdruck:

(S. 154)
Calame starb bereits 1860 in Menton.
Die Schilderung des Landkaufs durch Ambros Eberle jedoch klingt realitätsnah und erinnert inhaltlich an die Gemeinderatssitzung vom 26. April 1865: Er plane “ein Unternehmen, das der Einwohnerschaft von Morschach viel Verdienst bringen und der Gemeinde zu ungeahntem Aufschwunge dienen dürfte. […] Man wolle sie nicht überrumpeln, gebe ihr gegenteils acht Tage Zeit, um sich die Sache gehörig zu überlegen. Auch biete man ihr das Dreifache des Kaufpreises, der im letzten Kaufbriefe eingetragen sei, unter der einzigen Bedingung, daβ der Handel vorderhand noch geheim gehalten werde.” (S. 153).
Ob die Erzählung eine Auftragsarbeit oder ein Freundschaftsdienst war, lässt sich nicht feststellen, aber eine gute Reklame für den Axenstein war sie auf jeden Fall. Wer die ganze Geschichte lesen will, findet sie HIER. Wie Theophil Fritz Wiget an Peter Dalcher schreibt:

Als Quellen dienten:
- Brümmer, Franz: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Bd. 2. 6. Aufl. Leipzig, 1913, S.120.
- Karl Eichhorn: Der Brändli-Toneli auf Morschach. In Karl Eichhorn: Hagröslein – Erzählungen und Bilder aus dem Volksleben der Waldstätte. Luzern 1896. S. 129-158.
- Brief von Wiget an Dalcher vom 28. Juli 1981 aus dem Nachlass von Theophil F. Wiget im Staatsarchiv Schwyz STASZ PA 83 Cv 24-05.02 Grand-Hôtel Axenstein
- https://de.wikipedia.org/wiki/Alexandre_Calame
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