Der Leckerbissen von Fronleichnam 2026

Der Leckerbissen von Fronleichnam 2026

Sage – Gerücht – Fake News

Die Geschichte passt zum heutigen Feiertag, weil zwei Pfarrherren sie schriftlich festgehalten haben. Sie hat einen langen Weg hinter sich und handelt vom Handelsweg von Norden nach Süden, der über Morschach führte. Bevor Ambros Eberle in der denkwürdigen Sitzung vom 26. April 1865 den Morschacher Gemeinderat von der Notwendigkeit einer Strasse nach Brunnen überzeugte (siehe Das Appetit-Häppchen vom 17.04.2026) führte nur Brändli-Tonelis Fussweg nach Brunnen (siehe Die Regionale Feinkost vom 03.05.2026).

Die einzige Strasse nach Morschach führte von Ibach über Oberschönenbuch zur Schwyzerhöhe. Von dort führte ein Saumweg zum Vierwaldstättersee, von wo es mit dem Schiff weiterging. Bei der Weggabelung entschied man sich entweder für den längeren, weniger steilen Weg über den Dägerbalm zur Sust von Sisikon oder für den kürzeren, steilen Weg beim Mattli hinunter zur Morschacher Sust am Ort. Aber diese wurde vermutlich im 19. Jahrhundert nicht mehr stark benützt. Denn die Urner Regierung beschwerte sich am 15. Mai 1813 über deren  baufälligen Zustand.  Vielleicht war es den Leuten auch nicht so geheuer auf diesem Weg, an dem gemäss einer Notiz des Morschacher Pfarrers Betschart das Morschacher Tor stand:

“Das Morschacher Thor von Stein, war ob dem Urner-See, ob dem Morschacher Ort, ob der Sust, die jetzt noch steht; dort zieht sich beim Eisenbahn-Übergang über die Strasse, ein Fuss- und Fahrweg hinauf ins Morschacher Land; gerade da bei dieser Einmündung sei das Thor gewesen. Auf der einen Seite dieses Weges soll ein grosser Stein und auf der andern Seite Gemäuer gewesen sein, worauf ein grosser langer Plattenstein gelegen sei; also der Durchgang unter diesem Plattenstein habe das Steinerne Thor geheissen. […]. Obige Angaben hat ein alter Mann schon vor 40 Jahren mir gemacht, welcher den unterhalb des Weges liegenden Plattenstein noch gesehen hat. Ob diese Angaben richtig sind, kann ich natürlich nicht verbürgen. Ich kann da nur berichten, was ich von anderen gehört habe. Morschach, den 15. Dec. 1903. Pfr. Betschart.”

Am Anfang des 20. Jahrhunderts berichtet der Pfarrer interessiert, aber bewusst zurückhaltend. Da erzählt 100 Jahre früher sein Schwyzer Amtskollege Joseph Thomas Fassbind in seinen ‘Geschichten des alten Landes Schwyz’ sehr viel farbiger. Das Zitat von Joseph Thomas Fassbind stammt aus dem Bericht von Fritz Ineichen “Überlegungen zum Morschacher Thor” im Bote der Urschweiz Nr. 64 vom 3. Juni 1987.

Ob beide Pfarrherren von der gleichen geologischen Formation sprechen, ist unklar. Fassbind tendiert eher zur Sage, Betschart eher zum Gerücht. Walter Ineichen zu Überlegungen. Aber alle drei interessiert dieses Phänomen. Ein fruchtbarer Boden zum Weiterspinnen des Fadens und daraus ein klares Bild zu erzeugen. Dieses Bild auf einer undatierten Postkarte ist natürlich ein Fake, aber es hält die Sage / das Gerücht von Findlingen, die nicht mehr auffindbar sind, am Leben. Würde man heute die Texte der beiden Pfarrherren einem KI-Programm verfüttern, käme ein ähnliches Bild heraus. Und die Geistlichen würden sagen: Beatus, qui credit – Wer’s glaubt, wird selig.

SG.CIV.12.797, Fantasie-Karte: Morschacher-Tor, keine Angabe, Artist:

Quellen:

  • Dufourkarte 1864 von geoadmin.ch. Die Axenstrasse wurde wegretouchiert, denn deren Bau war 1864 erst geplant.
  • Die handschriftliche Notiz und deren Transkription stammen aus dem Morschacher Pfarrarchiv.
  • Die Postkarte ‘Morschacher Thor’ befindet sich im Schwyzer Staatsarchiv SG.CIV.12.797.
  • Das Schreiben der Urner Regierung zur Sust am Ort befindet sich im Staatsarchiv Schwyz HA.IV.187.012.

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