Das Appetit-Häppchen vom 17.04.2026

Une question de point de vue    

Die Zubereitung des heutigen Appetit-Häppchens begann vor 400 Jahren. Also ein recht hartes Stück Brot. Am 12. Mai 1628 beurkundet die Schwyzer Regierung:


“Wir Landamman und gesäβener Landrath zu Schwÿz thundt kund & zu & zu wissen”, dass die “Gärten im Anschart”, die von Kirchgenossen bisher auf Lebzeit und nicht vererbbar gepachtet werden konnten, neu als Eigengut übergeben werden. Denn durch die Pflege der Landstücke, die “nicht anderst dan[n] Stein und Studen gsin, [sei] auf groβe Mühe & Arbeit solches uszurüthen & zu sübren, & sunst einichen Nutzen hier usgezogen worden”.

Die vorliegende Abschrift dieser Urkunde ist dem Protokoll des Gemeinderats Morschach vom “26. Abrill 1865” vorangestellt, denn in der Urkunde wie im Protokoll geht es um “diese Gärten im Anschart”.

Aus dem Protokoll dieser Gemeinderatssitzung vom 26.04.1865 lässt sich schliessen, dass die Zimmertemperatur hoch gewesen sein muss in dieser Sitzung. Denn der Gemeinderat musste sich gegenüber Herrn “Kantons- & Kanzleidiräktor Amb.[bros] Eberle” und dessen “Fürsprech Eberle” zu happigen Vorwürfen verteidigen. Die beiden Eberle, beide von Einsiedeln, aber nicht näher miteinander verwandt, hatten 1864 das Anschart [die Gemarkung] Brändli gekauft.

Aus Sicht von Ambros Eberle war das ein Glückskauf und er schickte seiner Tochter Marguerite im September 1864 einen Brief ins Internat nach Freiburg, den er mit einem Gedicht eröffnete:

Links, wenn man von Brunnen fährt
Dem Mythenstein g’rad über
Liegt eine Wiese im Gehölz
“Brändli” nennt sie das Volk der Hirten.


In Morschach aber schüttelte das Volk der Hirten den Kopf, dass man für einen Teil dieses mit Wald und Unterholz überwachsenen Stücks Hügel 5000 Franken bezahlen konnte. Dem Namen “Brändli” nach war das Land wahrscheinlich brandgerodet, aber kaum von grossem landwirtschaftlichem Nutzen. Und nun wollten diese Herren aus Einsiedeln dort eine Kuranstalt bauen, wohl nach dem Vorbild der “Molkenkuranstalt” auf dem Stoos, wo die Reichen in der Molke badeten, bevor sie an die Schweine verfüttert wurde. Und damit die Gäste nicht den normalen Weg über Oberschönenbuch nach Morschach nehmen müssten, wollten die Herren, dass die Gemeinde eine Strasse durch den Wasiwald nach Brunnen baue!

Zwei völlig entgegengesetzte Blickwinkel: Die Einheimischen blickten auf den Hügel und die viele Arbeit, die dieser den Bauern abverlangte – die Fremden drehten dem Hügel den Rücken zu und sahen die wunderbare Aussicht auf den See und die Berge und wenn sie sich umwandten, sahen sie einen wilden, romantischen Wald und die Einheimischen, die sich gegen das Neue stemmten, und deshalb etwas mühsam waren, aber gleichzeitig eben auch ursprünglich und dadurch echt romantisch. All das würde die Hotelgäste aus aller Welt begeistern.

Nur Zeit hatten die Herren wenig, denn die neue Axenstrasse, die vielen als 8. Weltwunder galt, würde im Sommer eröffnet werden und der Anschluss nach Morschach drängte. Also wandte sich Ambros Eberle als einflussreicher christlich-konservativer Partei- und Kirchgänger an Kaplan Egg von Morschach. Dieser schlug friedfertig dem Gemeinderat Morschach einen Freundschaftsvertrag mit den Herren Eberle vor.

Darin einigte man sich auf den gemeinsamen kleinsten Nenner: ‘Zeit ist Geld’ und ‘Wer zahlt, befiehlt’. So beteuerte der Gemeinderat, dass er natürlich für die neue Kuranstalt und die neue Strasse sei und die Herren malten die Zukunft für das Volk der Hirten golden und übernahmen einen Grossteil der Baukosten für die Strasse nach Brunnen. Das klang in Morschacher Amtsdeutsch dann so:

“So, wurde beschloßen:

  1. Daß dieses Gerücht unwahr sei, & als null & nichtig bleiben soll.
  2. Sei das den erwänten Herren zu verdanken, das Sie willens seien
    eine Kuranstalt oder ein Gasthaus auf dem Anschart Brändli zu erbau-
    en, das dieses ein Glück für die Gemeinde Morschach anzusehen sei
    in dem man für gewiβ erwarten kan, das für das Algemeine-Bublikum
    vill zu verdienen geben kan.
  3. Daß man auch für gewiß erwarten kann, das die Hern Eberle ein schö-
    nes Opfer an unsere Verbindungsstraße thun werden.
  4. Seien 2. Mitglieder als Ausschüse auser dem Gemeindrath gewält
    worden von den Hern alt Präsidenten Bernardin, Imhof & Fr.[anz]
    Steiner, damit selbe zu den erwännter Herrn zu gehen, & Sie im
    Namen des Gemeindrathes zu begrüssen, & den [Be]Schluß den Herren
    zu eröfnen, & die Zufriedenheit des Gemeindrathes wie auch des allge-
    meinen Bublikums auf Morschach zu erklären, & das man daß Wohl
    besonders für die Gemeinde Morschach erkenne & mit Dank erwarte.
  5. Sollen die Ausschüβe Namens des Gemeindrathes & dem geehrten
    Bublikum sich mit den Herrn Eberle freundschaftlich berathen
    auf welch Weiβe man am besten könne einen Entwurf treffen, betrf.
    dem umliegenden Gestreuch in um-kreise auf dem Anschart Brändli
    daß bis dato am Wärt für sehr gering oder gar nicht geachtet worden
    wie man sich an die nächste Oberallmeind wenden könne, um das
    erwännte Gestreuch am leichtesten zu erhalten.
  6. Das die Herren Eberle uns behülflich sein möchten betref der neu-
    en Morschacher Straße fals dieselbe vorgenommen werden kann.”

So wurde der Grundstein für eine florierende Epoche Morschachs gelegt, indem alle sich trotz verschiedener Brillen auf einen gemeinsamen Blickwinkel einigen konnten: Das Wohl des Dorfes.

Als Quelle diente das Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 26. April 1865 aus dem Gemeindearchiv Morschach und die Seite 37 der Familien-Notizen der Eheleute Meinrad Theiler und Marguerite Eberle aus dem Archiv von kultur . morschach.


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