Das Amuse gueule vom 19.03.2026

Die französiche Wortwendung mit ‘gueule’ anstelle von ‘bouche’ ist zwar die ursprüngliche, aber heute nicht mehr salonfähig. Von Louis Agassiz zeigten wir in den letzten Kurznachrichten die salonfähige Seite: Als Erforscher der Urmeerestiere und der Eiszeit hat er mit seinen Arbeiten grosse wissenschaftliche Verdienste erworben. Auch im Unterricht mit seinen Studenten galt seine didaktische Methode als bahnbrechend, weil er nicht im Hörsaal dozierte, sondern mit den Studierenden direkt in der Natur forschte.

Heute befassen wir uns mit der nicht salonfähigen Seite des gleichen Louis Agassiz: Er war ein überzeugter Rassist und entwickelte dazu Theorien, die bis heute von Gleichdenkenden als wissenschaftlich angesehen werden, es aber schon damals nicht waren.  Zu Agassiz Zeit bekam zwar Darwins Evolutionstheorie immer mehr Anhänger, aber Agassiz war als tiefgläubiger Christ ein überzeugter Anhänger des Katastrophismus. Dieser lehnte eine stetige Entwicklung der Lebewesen ab und propagierte, dass von Zeit zu Zeit grosse Katastrophen alles Leben auslöschten. So bezeichnete Agassiz die Gletscher als “die grosse Pflugschar Gottes”. Nach einer solchen Grosskatasdtophe entstand durch Zuwanderung aus verschonten Gebieten wieder neues Leben – so wie in der biblischen Sinthflut mit der Arche Noahs, oder Gott schuf nach jeder Katastrophe die Schöpfung wieder neu. Zu dieser Weltanschauung passte die Idee des Polygenismus: Die Menschheit entwickelte sich nicht, sondern Gott schuf in verschiedenen Weltteilen verschiedene Rassen. Und aus deren Errungenschaften liess sich eine Rangliste ableiten und beweisen, dass die weisse Rasse die überlegene war und von Gott zur Herrschaft über die anderen geschaffen wurde. Keine Rasse dürfe sich mit anderen Rassen vermischen (Rassenschande und Eugenie), um nicht in Gottes Werk zu pfuschen.
Diese Seite von Louis Agassiz war bei seiner Würdigung auf dem Geologenstein wohl noch wenig bekannt und Darwins Theorie wurde von der katholischen Kirche erst über 100 Jahre später anerkannt.
Wichtig ist aber, wie man heute mit dem aktuellen Wissenstand umgeht. Soll bei einer Restaurierung des Geologensteins einfach Agassiz Lunette leer bleiben? Totschweigen wäre doch billige Geschichtsfälschung. Deshalb zeigen wir beide Seiten des Menschen und Propagandisten Louis Agassiz:  den bekannten Eiszeitforscher, wie ihn Ambros Eberle sah und den bekannten Rassentheoretiker, als den Agassiz sich selber bezeichnete und der hoffentlich nie mehr salonfähig wird.

Als Quelle dieses Betrags diente hauptsächlich der Artikel Louis Agassiz aus dem  Historischen Lexikon der Schweiz vom 23.03.2018 von den Autoren Hans Barth und Hans Fässler.

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